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Flott SB23St

Flott SB23St

Ersatzteilzeichnung

Die Firma Flott in Remscheid entwickelt und produziert seit gut 150 Jahren Bohrmaschinen. Diese SB23St ist eine Maschine aus den späten 70er-Jahren mit stufenlos verstellbarer Drehzahl über einen Riemenantrieb.

Die Maschine an sich ist wohl ein Klassiker ihrer Zeit und wurde den Ersatzteilzeichnungen nach lange Zeit mit nur kleinen Änderungen gebaut. Die weiter elektrifizierte Nachfolgebaureihe wird heute unter demselben Namen hergestellt und verkauft.

Basis

Dieses Exemplar der Maschine wurde im Mai 1978 verkauft, laut Auskunft des Herstellers. Ja, die haben tatsächlich noch Unterlagen darüber, und nein, die DSGVO kam erst 50 Jahre später. Damals brauchte man soetwas noch nicht, die Leute haben wohl von sich heraus weniger Unfug mit Daten getrieben. Über eine Kleinanzeige habe ich sie schließlich erstanden. Möglicherweise in einem Anflug von weihnachtlicher Konsumeuphorie, angetrieben von der augenscheinlich recht potenten Vereinigung von milder Langeweile, Winterloch, und verfügbarem Stauraum in der Werkstatt.

Ob tatsächlich Bedarf an einer Maschine dieser Bauform bestand, wird die Zeit noch zeigen. Jedenfalls war der Kurs in Ordnung und viel verkehrt machen kann man mit diesen Maschinen ohnehin nicht. Daher wurde die Maschine auch nur grob in Augenschein genommen und kurzum am Stück auf den Anhänger fallen gelassen. Zurück zu Hause wurde die Maschine mangels Flurförderfahrzeugen noch auf dem Hänger atomisiert und in der Werkstatt wieder materialisiert. Das ist mit drei Personen wider Erwarten ganz entspannt machbar, da bei vorstehendem Prozess Atome zwischen 40 und 100kg Masse bewegt werden müssen. Also zwei Säcke Zement.

Äußerlich sieht die Maschine ganz passabel aus. Alle Teile sind noch dran, einschließlich des VDO-Tachometers. Sie wurde wohl einmal neu lackiert, wobei offenbar gespritzt wurde, wie Farbränder an der Palette vermuten lassen. Die Qualität dieser neuen Lackierung ist in Ordnung, obs hält wird man sehen. Reseda-grün, natürlich.

Mit einem kurzen Probelauf erübrigt sich dann auch die Entscheidung, ob irgendwelche Lager getauscht werden sollten. Das Dröhnen ist kaum auszuhalten, ein Wunder wenn da noch etwas Drehmoment für den Bohrer übrig bliebe. Laut Verkäufer stand die Maschine zuletzt in einer Lehrwerkstatt. Vielleicht sollte man da mal einen Dachdecker konsultieren. Ist insgesamt doch etwas rostig im Oberstübchen. Nota bene: Nächstes Mal vor Ort probelaufen lassen, das schafft Verhandlungsspielraum.

Motor

Waschen, fönen, legen — das ganz normale Standardprogramm also. Ein Kugellager war gänzlich im Eimer, das andere ist mindestens genauso alt. Der Motor ist schnell zerlegt, die Lager mit dem Abzieher und etwas putzen, fertig. Es ist übrigens ein polumschaltbarer Motor mit Dahlander-Wicklung, so werden die beiden Ausgangsdrehzahlen für den Riementrieb erzeugt.

Für den Fall, dass der Abzieher nicht lang genug ist für das längere Ende der Welle: Außenring des Lagers auf den Schraubstock auflegen, oder auf zwei nebeneinanderstehende Tischplatten, und dann mit dem Schonhammer die Welle herausklopfen.

Antrieb

Im Antrieb sind insgesamt 9 Kugellager verbaut. Für den Fall, dass es noch eine zweite Maschine meiner Bauart gibt:

Die Lager von Bohrlager und Pinole lassen sich abziehen und austreiben. Die der hinteren Riemenscheibe kann man ebenfalls einfach abdrücken.

Der Innenring des Lagers im Stellring ist mit einer Mutter (Scheibe mit zwei Schlüsselflächen) gesichert. In einer der Schlüsselflächen befindet sich eine Madenschraube als Sicherung. Darum zuerst das ganze Lager aus dem Stellring austreiben (lockere Passung), dann Madenschraube und Mutter lösen und das Lager von der Welle abziehen..

Die paarigen Lager der Riemenscheiben sind mit einem Schrumpfring gesichert. Falls jemand fragt: Der hält. Man kann diese Schrumpfringe zerstören (anboren oder -flexen und dann mit einem Meißel aufbrechen), dann braucht es aber ein paar Neue. Alternativ hilft ein Brenner und ein Abzieher. Nur anwärmen reicht bis zur Rotglut nicht, denn die Welle dehnt sich zu schnell mit. Daher den Abzieher am Ring ansetzen und gut vorspannen und dann den Ring mit der Flamme kurz an einer Stelle aufheizen. Der Ring wird dann per Knall ein paar Millimeter verrücken. Das ganze dann mehrmals wiederholen, bis der Ring herunter ist.

Wenn es fertig ist, dann ergibt das Ganze schließlich einen recht ansehnlichen Bohrmaschinen-Baukasten.

Bei der Gelegenheit hat es sich angeboten, auch gleich ein paar Lunker in einer der Riemenscheiben zuzulöten. Anschließend wieder planschaben. Der Verstellhebel war festgeharzt vor altem Fett und Rost, was gleich mitbehoben wurde. Die Welle des Hebels dann ganz mit Fett auffüllen, damit die Stauffer-Büchse auch funktioniert.

Spindel und Pinole

Als erstes die Lager von den verstellbaren Riemenscheiben einbauen — das geht mit dem Heißluftfön ganz gut. Die Gummidichtungen der Lager verkraften das denn mehr wie 60°C sollte es nicht brauchen. Anschließend die Lager der der vorderen Riemenscheibe aufziehen, wieder mit dem Heißluftfön, und dann den Schrumpfring aufsetzen. Selbigen dazu erwärmen bis er ganz leicht blau wird. Das sind dann rund 280°C. Den heißen Ring dann sofort auf die Welle setzen und gegen das Lager drücken. Ein Setzschlag mit dem Schonhammer kann helfen, den Ring gegen die Lagerinnenringe zu treiben. Das aber unbedingt erst, wenn der Schrumpfring schon etwas erkaltet ist und sich auf der Welle hemmt. Ansonsten könnte er prellen. Achso, und sinnstiftenderweise die Distanzhülse zwischen den Lagern nicht vergessen.

Der Zusammenbau von Spindel und Pinole ist ein Puzzle wegen der Doppelpassungen.

  1. Innenring des Bohrlagers: Das Schrägkugellager (Bohrlager) wird zuerst warm auf die Spindelwelle aufgezogen. Nachher ordentlich fetten und vorher die Deckscheibe nich vergessen.
  2. Außenring des Bohrlagers: Anschließend den dazugehörigen Lagersitz der Pinole erwärmen und die Spindel einsetzen. Würde man das umgekehrt montieren (also zuerst das Bohrlager in den Lagersitz der Pinole einsetzen), dann müsste man jetzt den Innenring des Lagers erwärmen, um die Spindel durchzustecken. Dabei würde das Fett gleich wieder weglaufen. Außerdem wäre der Außenring ja schon eingespannt im Lagersitz, sodass man viel mehr Wärme benötigt.

Das zweite Lager der Spindel (6205) ist jetzt besagte Doppelpassung, weil es gleichzeitig auf die Spindel wie auch in den Lagersitz in der Pinole eingebaut werden muss. Die Spindel hat dazu an geeigneter Stelle ein Gewinde, mit dem man zum Schluss das Lagerspiel der ganzen Konstruktion einstellt. Eigentlich würde man daher erwarten, dass das Lager stramm im Lagersitz der Pinole (Außenring) sizt und die Spindel leicht durch den Innenring gleiten kann. Ist aber — auch nach mehrmaligen Nachmessen — nicht so. Der Innenring sitzt stramm und der Außenring ist etwas lockerer. Also Lager erwärmen und auf die Spindel aufziehen. Blöderweise dehnt sich beim Erwärmen aber das ganze Lager, sodass der Innenring zwar leicht geht, aber dafür nun der Außenring im Lagersitz klemmt.

Mit diesem Wissen würde ich es nun so montieren:

  1. Lager erwärmen, damit in erster Linie der Innenring über die Spindel rutscht. Mit einer passenden Hülse auf dem Außenring dann in den Lagersitz der Pinole eintreiben. Es hilft sicherlich, die Pinole auch zu erwärmen. Das sollte gehen, bis der Außenring des Lagers bündig mit der Pinole ist. Dann alles abkühlen lassen.
  2. Nach dem Abkühlen sitzt das Lager stramm auf der Spindel (Innenring), dafür aber etwas lockerer in der Pinole (Außenring). Dafür erreicht man aber jetzt das Einstellgewinde auf der Spindel. Also die Mutter daraufschrauben und mit ihr das Lager soweit verschieben, bis das Lagerspiel passt.

Riemenscheiben

Eine Runde Schleifvlies für alle, danach gehen die Riemenscheiben wieder. Insbesondere der mittlere Scheibensatz (also derjenige, der die beiden Riemen verbindet) hatte schrecklich feste Passungen. Mehr noch bestätigte die Zerlegung dieser Welle, was mich schon länger umtrieb. Bereits die Kupplung auf der Motorwelle war mit zwei Längsstiften gegen Verdrehen gesichert, und diese Art der Sicherung gefiel mir nicht besonders. Vorallem drängte sich die Frage auf, was denn passiert, wenn die Stifte ungenau oder schief eingebohrt werden.

Ganz praktisch also, dass genau dieses nun exemplarisch zu beobachten war: Ein Stift war schief und der andere zu weit außen. Resultat: Letzterer ist nicht mehr zerstörungsfrei zu entfernen und ersterer hält. Zwar in nicht unwesentlichem Maße auch in die falsche Richtung, aber er hält. Da die Passung der Scheibe ohnehin saustramm war, gestaltete sich der Zusammenbau etwas abenteuerlich. Die beiden Hälften der Bohrung wollen ja auch zueinander ausgerichtet sein.

Zuerst also die Scheibe etwa zur Hälfte auf die Welle aufsetzen und sofort den Stift einsetzen. Das geht noch ganz gut mit Wärme und man kann die Scheibe noch passend drehen, aber das war es dann auch. Für den Rest hilft nur noch der Schonhammer.

Elektrik

Der Elektrik in der Maschine mangelte es an nicht vielem. Der alte Wiederanlauf-Schutz funktioniert noch tadellos, aber einen neuen Sicherungshalter für die Beleuchtung habe ich spendiert. Der war etwas knapp an Berührungschutz.

Fertig

Integriert sich doch prima in die Flott-Galerie.